Veronika Schneider
Fragen der Gäste und Antworten von VERONIKA SCHNEIDER bei der Ausstellungseröffnung am 22. Juli 2011.
Hat die Art deiner Arbeit vielleicht deshalb diese Form, weil du so viel Freude am Kommunizieren mit Menschen hast? Vorneweg: für mich hat die Kunst immer mit Kommunikation zu tun. Ich baue auch Figuren unter Ausschluss der Öffentlichkeit in meinem Atelier, aber letztlich dafür, dass sie später gesehen werden und ihre Wirkung tun. Bei den Schichtungen gibt es verschiedene Ebenen der Kommunikation. Zuerst die mit dem Ort, an dessen Geschichte(n) und Besonderheiten ich entlang schichte. Ich rede mit Leuten, das ist mir meistens eine Freude, aber alle Sinne sind gefragt um die Fährte aufzunehmen. Für das Material musste ich in Rotthalmünster besonders viel kommunizieren. Das ist hier der Markt, also bin ich erst mal zu den Geschäften am Platz und den Firmen am Ort. Es sind auch Privatpersonen hinzugekommen. Weil es viele verschiedene Quellen waren, ist das Material dieser Schichtung bunt gemischt. Die Form ergibt sich dann aus dem Zusammenlegen aller "Gesprächsfetzen" im konkreten Rahmen des Raums. Insofern kommuniziert die Schichtung mit dem Ort und durch alles was in ihr an- bzw. abgelegt ist. Und regt hoffentlich zur Kommunikation an. Das Schichten ist meine Methode den Bestand vor Ort zu archivieren, wie ich ihn im Moment antreffe. Aber stimmt schon, ich rede gern mit den Menschen.
Wie beginnst du die Kommunikation mit den Menschen? Ich sage "Hallo", "Guten Tag" oder "Grüß Gott" - je nachdem - und dann komme ich direkt zur Sache. Hier habe ich nach einer Materialspende gefragt und anhand der Einladungskarte gezeigt, wofür.
Haben die Leute gerne gegeben? Ja. Ich war bestimmt an 20 Stationen und habe mir lediglich 3 Körbe eingefangen. Die Goldbarren von den Bank habe ich leider nicht bekommen, aber dafür was anderes. Und so hat (fast jeder) den ich gefragt habe Anteil an meinem Projekt genommen und etwas für die Schichtung gefunden.
Wie ist das Echo in der Bevölkerung? Ich habe den Eindruck die Leute schauen hin, manche gehen sogar zurück und schauen noch genauer. Der Kommentar eines Vorbeigehenden war "Ham's jetz den Wertstoffhof hier her verlegt?", aber der Großteil der für mich spürbaren Reaktion ist eher positiv. Schon mit dem Materialsammeln wurde das Projekt öffentlich und viele wurden aufmerksam, waren im Kopf dabei. Außerdem ist die Schichtung nicht elitär, man kann daraus lesen, was man eben liest und ich glaube viele Leute teilen diese Freude mit mir. Aber sagen Sie mir doch lieber wie "das Echo der Bevölkerung" ist.
Kommen deine Begegnungen mit den Menschen in der Schichtung zum Tragen? Zum Teil ja. Im Material natürlich, aber manche Geschichten nehmen auch Form an.
Wird das sichtbar? Um ein Beispiel zu geben: die Hohlräume liegt bei mit verknüpft mit den Geschäftszweigen - Brauereien oder Metzger oder Textilhersteller -, die es nicht mehr gibt. Aber es kommt drauf an, was einer sieht. Was ich aus Begegnungen und Einblicken herausfiltere ist keine allgemein gültige Wahrheit. Jeder liest die Schichtung anhand seiner Assoziationsketten ein klein wenig anders, vielleicht verändert sich die Schichtung wenn man sie ein zweites Mal sieht. Ich lege nur mögliche Linien an.
Wenn deine Arbeit ortsbezogen ist und weil du ja dein Material hier gesammelt hast, kannst du sagen, welche Ideen dir zu Rotthalmünster gekommen sind? Über Rotthalmünster kann ich nach dieser Woche sagen, daß es eine halbwegs intakte Stadt ist, mit Geschäften im Zentrum und Menschen die sich "Guten Tag" sagen. Mir fällt auf wie interessiert und geradezu offen die Leute hier sind. Es ist lebendig und lebenswert hier, Altes und Neues existiert nebeneinander und das scheint mir hier gerade ein Thema zu sein. Als erstes habe ich die alte Brauerei gesehen, die abgerissen werden soll. Bedauerlich wäre es, wenn dadurch der Marktplatz zum Hinterhof globaler Einkaufsmärkte würde. Aber es gibt hier zum Glück auch ein Bewustsein dafür, was man am eigenen Ort schätzt - früher wie heute.
Gehst du chronologisch vor? Nein, die Zeit ist nur ein Parameter neben der Farbe, der Form und der Assoziation. Meine Suche geht immer wieder nach dem Gleichen im Unterschiedlichen und den Unterschieden im Gleichen.
Könntest du dir vorstellen, dass andere deine Arbeit weitermachen? Nein, wie soll das gehen? Andere schichten anders. Ich habe meine eigene Vorgehensweise entwickelt und bin das Werkzeug, mit dem ich die Installation realisiere.
Hast du ein Lieblingsmaterial, oder Material, das du gar nicht leiden kannst? Hervorragend ist ein so serielles wie leichtes und in Massen vorhandenes Material wie die Stoffballenseelen vom Kaufhaus Koch. Das hilft sehr die Konstruktion stabil zu bauen. Aber die öligen Lederriemen aus der Spinnerei in Kaina - so widerlich die vorallem riechen - oder die staubigen ausgestopften Vögel aus der Hauptschule, das sind starke Erinnerungs- und Ideenträger, die mag ich auch.
Kann man Kunst lernen? Man kann lernen Kunst zu machen. Handwerk, Methoden, Strategien, Ideen - man kann lernen wie man das alles entwickelt und umsetzt. Auch Disziplin und Durchhaltevermögen lassen sich beizeiten lernen. Beweggründe und ein gewisser Wille zur Kunst allerdings sind entweder da oder nicht. So sehe ich das.
Wie meinst du das: "Ich bin ein Werkzeug"? Werkzeug von wem und für was? Ich mache die Kunst nicht für mich, d.h. um im Prozeß etwas über mich persönlich zu erfahren. Ich will eine lesbare Konstruktion möglicher Wirklichkeiten erzeugen und dazu begebe ich mich komplett hinein. Insofern funktioniere ich, bin also mein Werkzeug um das Ding in die Welt zu setzen - von der Wahrnehmung des Ortes bis zum letzten Griff unter der Decke.
Geht es dir um Freiraum? Kunst ist ein Freiraum mit eigenen Gesetzen. Ich mußte mir nie den Freiraum erkämpfen Kunst machen zu dürfen o.ä., aber Kunst machen und imaginäre Bilder zu realisieren ist schon ein Kampf um Freiheit und Raum. Insofern ja, geht es mir um Freiraum.
Warum hast du dich entschieden Kunst zu studieren? Zufall, Glück und Elternhaus - mein Vater ist Bildhauer, aber jetzt baut er Öfen. Eigentlich wollte ich in die Wissenschaft, Biologie oder Philosophie, aber diese Hörsäle waren mit 20 zu grauenhaft. Dann lernte ich einen Künstler am Bodensee kennen, der mich zur Mappenschule überredete und damit habe ich mich an der Burg in Halle beworben. Schon war ich drin. Während dem Studium habe ich allerdings auch gern außerhalb der Burgmauern gearbeitet.
Hättest du die Schule gar nicht gebraucht? Doch. Klar lernt man immer von oder durch sich selbst, aber das Grundstudium mit Zeichnen und Modellieren und den Geisteswissenschaften ist eine solide Basis. Und ich hatte Austausch mit Lehrern und Mitstudierenden, mit einigen betreibe ich seit 3 Jahren dieschönestadt, eine Produzentengalerie in Halle.
Warum gibt es diesen Bruch zwischen der Schichtung hier in Rotthalmünster und den früheren Schichtungen in den Lichtkästen? Einen formalen Bruch oder im Ausstellungsaufbau? Was die Ausstellung anbelangt: ich zeigt erstmals die Fotos in dieser Weise, das schien mir für die Schaufenstergalerie angemessen. Normalerweise stehen die Installationen ja nicht in einer Galerie, sondern in einem ehemaligen Schlachthof oder einem Flakturm. Daher zwei Teile: im Schaufenster die Installation "Mitten am Platz" (so der Arbeitstitel) und die Dokumentation, die ich als eigenständiges Werk betrachte. Formal gibt es in der Schichtung selber auch Brüche (in R'münster nicht zum ersten Mal), das kommt mit der Eigenheit des hier ansässigen Themas: einen Einblick in die Stadt auf dem Marktplatz versammeln. Da eindeutig auch ein Hinterhof, aber wenn etwas vorneraus geht, muß es logischerweise ein Hinterraus geben. Und an der Landstraße findet man eigentlich Mais. Der zeitliche Rahmen des Projekts nimmt natürlich auch Einfluß auf Fülle und Dichte der Schichtung. Und nicht zuletzt sieht man auf einem Foto etwas anderes als wenn man davor steht - daher rührt womöglich dieser Eindruck.
Warum hast du nach Material-Spenden und nicht nach -Leihgaben gefragt? Ich wollte einfach, daß man mir was gibt, das ich hierfür verwerten kann. In der Tat habe ich auch Dinge geliehen bekommen. Und meistens gesagt, daß ich gerne alles wieder zurückbringe - aber der ein oder andere war froh es los zu sein. In meiner Auffassung gibt es weder Müll noch besonders wertvolles, die Schichtung hat andere Regeln. Außerdem kann ich nicht immer garantieren, das nichts kaputt geht. Und manchmal ist es einfach schön Anteil zu nehmen und zu unterstützen - zu geben in Form einer Spende für die Schichtung, auch wenn's "nur" eine Leihgabe ist.
Sind die Dinge alle museal oder gibt es auch Aktuelles? Das ist komplett durcheinander, wie im echten Leben.
Deine wievielte Installation in dieser Art ist das hier? Die 7te. Ich habe 2005 die erste Schichtung gemeinsam mit Marco Miersch gebaut, den ich beim Projekt Kurzschluß in Stuttgart-Bad Cannstatt kennenlernte. Damals habe ich gesehen, welcher Teil von mir kam - das Kompakte und das Ordentliche - und daran habe ich danach weitergehangelt. Seitdem versuche ich jedes Jahr eine Schichtung zu bauen.
Kann es (zu) zwanghaft werden alles zu ordnen? Zu ordnen und zusammenzubringen? Ja, aber das gilt nicht für meine Schichtungen! Im Chaos wechseln sich Ordnung und Unordnung ab, oder wie der Herr Sachs mir zitierte: " Das einzig Beständige ist der Wandel", soviel ist sicher. Ordnung ist ein temporärer Zustand, in dem sich Strukturen momentan begreifen lassen. Mir geht es nicht um Schubladen oder eindeutige Aussagen sondern darum zusammenzufügen bis sich das Ganze in vielen Schichten öffnet.
Was passiert am Schluss der Installationen? Am Ende der Ausstellungen? Dann wird abgebaut, die geliehenen Dinge kommen zurück zu ihren Besitzern, und ich werde endlich den Wertstoffhof kennenlernen. Davor wird die Installation dokumentiert, d.h. fotografiert, das Schreiben kommt immer ein bißchen später.
Warst du schon einmal am Recyclinghof aktiv? Für eine Schichtung hatte ich Wohnzimmerteile vom Wertstoffhof. Aber das ist nicht so richtig ergiebig, zu sehr vorsortiert und eigentlich auch zu beliebig.
Wie suchst du dein Material zusammen? Entweder es ist schon da oder ich suche gleich den Organe eines Körpers die Dinge, die für den speziellen Ort Funktionen übernehmen.
Kann die Auslage eines Fahrradladens Kunst sein? (Peters Frage zu einem Schaufenster, das mit Styropor und Schaumstoff verhängt durch Verbleichen eine Schönheit geworden ist.) Nein. Schönheit, oder generell Ästhetik ist nicht gleich Kunst. Es ist die Frage, was man aus dem Ästhetischen (dem Wahrnehmbaren) macht. Wenn der Fahrradladenbesitzer mit seiner Schaufenstergestaltung auf seine Lage hinweisen möchte, dann tut er das aus einem politischen Motiv, er macht vielmehr Politik als Kunst. Für mich ist das Vielfache und Nicht-eindeutige in der Kunst wichtig. Ein Foto vom Schaufenster könnte vielleicht Kunst sein. Es könnte aber auch ein schönes Foto bleiben. Je nachdem, wie man es macht und in welchen Kontext man das Vorgefundene stellt.
Kann dir irgendjemand bei deinen Schichtungen helfen? Nein, direkt nicht. Aber das Außenrum ist eine große Hilfe. Ich wurde eingeladen, untergebracht und gut versorgt mit Essen und Trinken, Interesse und Anteilnahme. Danke!
Auch wir bedanken uns, bei den Gästen unserer Ausstellungseröffnung für die vielen Fragen und das große Interesse, Franziska Lankes und André Hasberg.

zurück