Lena Zehringer
Fragen der Gäste, Antworten von Lena Zehringer bei der Ausstellungseröffnung am 10. Dezember 2010 (Auswahl)
Liebe Lena, was hast du denn ausgebrütet oder welche Kröten muss hier der ahnungslose Kunstbetrachter einfach schlucken? – Was ich zeige, sind Kinder, Eier, Mütter und andere Behälter. Schachteln, die ein kreatives Potenzial haben, die so übervoll sind, dass sie bald platzen. Es wird etwas entstehen! Ein Baby-Mädchen kommt mit einer Million Eizellen auf die Welt, zu Beginn der Pubertät hat sie immer noch 400.000 übrig, zum Einsatz kommen dann ein paar Tausend. Das ist eine Überfülle an Möglichkeiten Ich will den kreativen Prozess selbst darstellen. Auf welchem Weg kommt das Neue in die Welt? Ich will Potenz abbilden.
Die Unterleiber der "gepuckten" Babys sind so unterentwickelt, warum? – Ja, weil sie noch nicht fertig sind. Sie stecken noch in ihren Kisten oder Beuteln. In den Behältern steckt das Potenzial. Es kann alles Mögliche herauskommen.
Hast du einfach so drauf los gearbeitet? –Nein, ich arbeite meine Ideen ab. Meistens habe ich für meine Serien einige Bilder im Kopf, die ich umsetze und beim Machen spricht dann das Material mit, es kommen neue Ideen, zum Beispiel weil ein Objekt anders wirkt als erwartet oder durch Zu- und Abfälle entstehen neue Varianten.
Warum hast du Gips benutzt? Ich mag "armes Material". Der Gips ist bei den Bildhauern so ein bisschen missachtet. Er ist vorläufig, er macht das in Ton modellierte Objekt haltbar, aber für einen Bronzeguss reicht das Geld dann nicht. Er ist stumpf und weiß, irgendwie unplastisch. Er ist unbeliebt. Ein Objekt aus Gips will auch keiner kaufen, ist irgendwie zu billig. Und ich bin da so ein bisschen sentimental, ich bin eine Kämpferin für das arme Material. Gips ist mein Lieblingsmaterial. Er kann alles. Er kann jedes andere Material imitieren. Er kann fließen und die feinen Linien eines Fingerabdrucks abbilden, er lässt sich sahnig türmen, später bröseln, sägen, hacken, wieder montieren.
Warum ist die Zunge bei der "Burn out Medusa" so aggressiv? - Ich baue gerne Objekte, die nicht passiv sind und sich einfach anschauen lassen. Sie sollen den Betrachtern eine Aufgabe mitgeben. Du kannst sie anschauen, aber nicht ungestraft, sie machen etwas mit Dir. Bei der "Burn out Medusa" ist die Zunge so lang, weil die Erschöpfung so groß ist, aber die Zunge hat auch etwas Schlangenartiges.
Warum sind in deinen Arbeiten so erschreckende, gruselige Elemente? Ich will beim Arbeiten etwas herausfinden über mich selbst. Es soll mich weiterbringen. Die schönen Dinge im Leben machen mir ja keine Schwierigkeiten. Aber da wo die Angst ist, gibt es etwas zu tun, da ist etwas nicht integriert. Wenn ich ein Bild gebaut habe, das mich erschreckt, dann wird eine Angst greifbar und ich kann mir meine Angst so lange anschauen, bis sie mich weniger erschreckt.
Du hast von Brut gesprochen. Als Mann möchte ich dich fragen, was ist der Zusammenhang zwischen Skulpturen schaffen und gebären? Diese beiden Vorgänge verbindet das Leiden und das Hinwarten bis das Neue da ist. Manchmal geht nichts voran, Zweifel kommen, aber es geht darum, das auszuhalten. Und beides sind absolut körperliche Vorgänge. Für mich, als Bildhauerin ist der Lehm Fleisch. Das Material spiegelt sich gegenseitig. Das Material kommuniziert untereinander, es erkennt sich wieder. Unsere Körper erkennen sich sofort wieder, sobald ein Klumpen Ton irgendwie nach zwei Beinen und einem Kopf aussieht. Und wenn eine Plastik gut ist, dann findet man, dass sie eine Seele hat.

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